SO KANN VERÄNDERUNG BEGINNEN



Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie schwer der erste Schritt in Richtung Veränderung ist. Heute möchte ich mit Dir das Erlebnis teilen, das meinen Veränderungsprozess massiv beeinflusst hat. Vielleicht stößt du ja auch einmal einen solchen Prozess an.

Eineinhalb Jahre waren nach meinem Aufenthalt in einer Klinik wegen einer Depression vergangen. Ich war nach Weggis in die Schweiz gefahren, um eine Ausbildung zu absolvieren, die versprach, Stress einfach „wegklopfen“ zu können.

Die Spitzen der den Vierwaldstädter See umgebenden Berge lagen in den Wolken. Immer wieder kamen Regenschauer vom Himmel herunter. Die Temperatur war deutlich gefallen. Kein Wind regte sich und es lag eine beeindruckende Stille in der Luft. Kein Vogel sang. Kaum ein Laut war zu hören. Und auch im Hotel war es ruhig.

Ich nahm an einer Ausbildung teil, die ich aus einer Eingebung heraus erst kurz zuvor gebucht hatte. Der zweite Ausbildungsblock von insgesamt dreien lag hinter mir und ich hatte den Vormittag bis zum Beginn des dritten Ausbildungsblockes frei.

Ich fühlte mich sicher. So sicher, wie seit meinem Aufenthalt in der Klinik nicht mehr. Umgeben von Psychiatern, Psychologinnen und Coaches, von Ärztinnen, Masseuren und anderen, die sich hier trafen um eine neue Methode zu lernen, um damit andere Menschen bei der Lösung ihrer Probleme zu unterstützen. Ich war trotz meiner Probleme eine von ihnen. Selten habe ich mich mit Menschen so wohl gefühlt.

Aber an diesem Vormittag war ich alleine. Viele der Menschen, die ich kennengelernt und mit denen ich die letzten Tage gemeinsam verbracht hatte, waren bereits abgereist. Ich saß in meinem Zimmer, was aber eher eine Kammer war. Immerhin hatte ich einen gemütlichen Sessel und einen seitlichen Ausblick auf den Vierwaldstädter See. Einen weiten Blick über den See, der wegen seiner Tiefe einer der kältesten Seen in der Umgebung ist. Kein Mensch war bei diesem Wetter am oder im Wasser.

Ich wusste nicht, wohin mit mir. Ich wollte nicht lesen, nicht alleine, aber auch nicht mit anderen zusammen sein. Das Zimmer kam mir vor wie ein Käfig. Meine Haut war feucht von der schwülen Hitze, die sich in den vergangenen Tagen im Zimmer angestaut hatte. Durch die dicken grauen Wolken hindurch brach ein Sonnenstrahl.

In dem Moment, in dem der Sonnenstrahl das Zimmer erhellte, wusste ich es. Ich würde trotz des kalten Wetters schwimmen gehen. Mit plötzlich vor Aufregung klopfendem Herzen zog ich mir eilig den Badeanzug an, schlang das Handtuch um mich, schlüpfte in die Badeschlappen, lief zügig die knarzende dunkle Holztreppe hinunter und die wenigen Meter am Hotel vorbei zum See. Der Steg lag einsam und verlassen da. Niemand war in der Nähe. Kein Boot war auf dem Wasser. Die Sonne war wieder hinter den Wolken verschwunden. Ich zögerte. Warum musste ich ausgerechnet jetzt hier alleine sein? Mein Körper verwandelte sich. Meine Härchen stellten sich auf und überzogen meinen Körper mit einer Gänsehaut. Ich wickelte mich etwas fester in das große Handtusch und schaute hinaus auf den riesigen See. War es richtig, was ich vorhatte? Keine Welle bewegte den See, kein gekräuseltes Wasser. Stillstand. Glatt wie ein Spiegel lag der See vor mir. Angst mischte sich in die großen Gedanken, die kurz zuvor noch mutig davon geschwärmt hatten, wie schön es sei, in diesem großen See ganz alleine zu schwimmen.

Ich war noch nie alleine in einem See schwimmen gewesen. Immer war irgendwer bei mir. Meine Familie, Freunde oder zumindest andere Badende. Aber seit einiger Zeit war ich alleine. Oft fühlte ich mich einsam. Und nun stand ich hier. Alleine unter dem Dach aus Blättern eines großen Baumes an der Wiese zum See. Mit einem gefühlten Loch im Magen.

Was, wenn ich einen Krampf bekäme? Wenn ich plötzlich nicht zurückschwimmen könnte? Niemand war da, der mir hätte helfen können. Es war niemand da, der mich abhalten konnte in den See zu springen. Niemand, der mich ermutigte, das zu tun, was ich mir vorgenommen hatte. Niemand, der mit mir sprach. Nur ich war hier. Ich setzte mich auf eine kleine Mauer und starrte hinaus auf den See. Minuten vergingen. Ich hoffte, dass die Sonne wieder herauskäme. Hoffte, dass andere Menschen kämen, um mir Mut zu machen, in den See zu gehen und zu schwimmen, so wie ich es noch am Tag zuvor mit anderen Teilnehmerinnen gemacht hatte.

Irgendwann tauchte in meinen Gedanken der Titel eines Buches auf, das ich vor kurzem gelesen hatte. „Wenn Du willst, was Du noch nie gehabt hast, dann tu, was Du noch nie getan hast“. Aber was wollte ich denn? Was war es, was ich wirklich wollte?

Ich wollte glücklich sein. In Frieden mit mir und der Welt. Wollte ein wenig Spaß haben, so wie alle anderen auch. Aber ich kämpfte mit den Nachwirkungen einer Depression. Grübelte oft minutenlang völlig sinnlos vor mich hin. Fühlte mich oft einsam, überfordert und nutzlos.

Einer plötzlichen Eingebung heraus folgend warf ich das Handtuch auf einen Tisch, schüttelte die Badeschlappen ab und trat auf den Steg hinaus. „Nur nicht stehenbleiben,“ dachte ich, „dann gehe ich zurück ins Zimmer“. Und dann lief ich los. Ich spürte die kühle Luft auf meiner Haut, ich wurde mit jedem Schritt schneller und sprang vom Steg ab. Ich flog meterweit durch die kühle Luft und tauchte mit dem Kopf voran in das kalte Wasser des Sees. Der Kälteschock war heftig. Das Gegurgel des Wassers traf auf mein Trommelfell. Prustend tauchte ich wieder auf, nahm die Weite des Sees und die ihn umgebenden Berge in mich auf und schwamm. Ich schwamm einfach los. Auf die Mitte des Sees zu. Der Ausbildungsleiter und seine Frau schwammen jeden Morgen weit hinaus. Ewig weit. Ich war noch nie in so kaltem Wasser geschwommen. Egal. Ich tat etwas. Ich schwamm. Ich wollte, was ich noch nicht gehabt hatte. Ich wollte mich frei fühlen und glücklich sein. Und ich tat etwas dafür. Etwas, das ich noch nie getan hatte.

Ich schwamm einfach weiter. So weit hinaus, wie ich noch nie in meinem Leben geschwommen war. Und dann, auf einmal, begann es zu regnen. Leise Tropfen fielen schnurgerade vom Himmel. Und ich war plötzlich umgeben von schimmernden Perlen, die um mich herum aus dem See heraus hüpften und überall zu tanzen begannen. Unendlich viele Perlen. Überall glitzerte es. Es war ein leises Tröpfeln zu hören. Wie ein Hauch um mich herum. Der See, die Berge, das Wasser, die Tropfen. Und ich. Alles in völligem Einklang.

Ich trat einen Moment auf der Stelle, um das Wasser nicht durch meine Schwimmbewegungen aufzuwühlen. Schaute nur. Hörte nur. Spürte nur. Dann schwamm ich weiter. Immer weiter. Gebannt vom Tanz der Tropfen und der Perlen.

Es war wie ein Wunder. Ich tat, was ich noch nie getan hatte. Ich war mutig und frei das zu tun, was ich wollte. Es gab einen Weg aus der Depression. Einen Weg, den ich gehen konnte. Meinen Weg hinaus. Einen Weg, der, immer wieder wundervoll sein könnte, wenn ich es nur zuließ. Ich musste nur etwas tun, was ich noch nie getan hatte. Und vor allem einfach weitergehen.

 


 


Warum war ich plötzlich so glücklich und bin es auch heute noch, wenn ich an dieses Ereignis denke? Was ist da genau geschehen?

Wir alle leben in einer sogenannten Komfortzone. In dieser haben wir uns eingerichtet. Es uns gemütlich gemacht. Irgendwie kommen wir da ja ganz gut zurecht. Wir kennen alles, was uns umgibt, kennen die Spielregeln, Gemeinsamkeiten mit anderen, aber auch das, was überhaupt nicht funktioniert. Und haben uns mit allem vertraut gemacht. Die Schaltkreise in unserem Hirn sind eingerostet.

Das Leben möchte aber, dass wir uns weiterentwickeln. Zu dem oder zu der werden, der oder die wir in einem tieferen Sinne eigentlich sind. Denn das Leben möchte sich durch uns verwirklichen. Wenn wir in eine Krise geraten, dann zeigt uns diese Krise deutlich, dass wir etwas verändern sollen. Häufig möchten wir aber nichts verändern. Wir versuchen, manchmal unerbittlich, an unserem Status Quo festzuhalten. Wir schlucken Tabletten, suchen einen anderen Job, der letztendlich wieder genauso ist, wie unser vorheriger. Wir wechseln den Partner oder die Partnerin und wundern uns, warum alles zwar anders wird, aber letztendlich oft doch gleich zu bleiben scheint. Dann wird das Leben unerbittlich. Die Krise wird schlimmer oder tritt häufiger auf und wir kämpfen weiter gegen notwendige Veränderungen an. Es kann sein, dass wir unendlich viel Energie in diese Kämpfe stecken.

Wenn wir genau hinschauen, dann können wir in jeder Krise eine Chance entdecken. Mit der Frage „Was will das Leben von mir?“, können wir beginnen, uns wieder dem Leben und seinen Wundern zuzuwenden. Diese Frage ist der Anfang eines Weges heraus aus der Komfortzone. Die Frage öffnet uns den Blick, uns einmal von außen zu betrachten. Uns zu fragen: was kann ich ändern, damit es anders wird? Und dabei helfen dann Dinge, die anders sind. Dinge, die wir noch nie gemacht haben. Dinge, die uns über uns selbst hinauswachsen lassen. Denn nur durch wirklich neue Erfahrungen wird der Rost von unseren eingefahrenen Schaltkreisen im Hirn weggesprengt und es können sich völlig neue Schaltkreise bilden.

Wir können aus unserer Komfortzone heraustreten ins Leben und damit in eine weitere Zone eintauchen. In die Zone der Veränderung. In eine Zone, in der wir weiter wachsen können. Eine Zone, die uns mit neuen Erkenntnissen und Erlebnissen aus unserer unbequemen, viel zu klein gewordenen und vielleicht auch langweiligen Komfortzone lockt. Nur in dieser Zone der Veränderung und des Wachstums können die Wunder geschehen, von denen wir vielleicht ein Leben lang geträumt haben.

Trau Dich heraus aus Deiner Komfortzone. Es lohnt sich!

 


August 2021  I  Autorin: Petra Riemer